2017

author
Pascal Mercier
review

Ein packender Psycho-Thriller für gefühlte Intellektuelle und insbesondere für Leser, die den akademischen Betrieb selbst erlebt haben. Denn der Druck, den die Hauptperson Philip Perlmann verspürt, ist nur zu verstehen, wenn man weiss, wie gross der innere Druck bei Teilnehmern dieser Welten ist.

Perlmann sitzt einem sprachwissenschaftlichen Workshop im schönen Ligurien vor, und da er (insgeheim) jegliches Interesse an wissenschaftlicher Arbeit verloren hat, er sich aber mit Koryphäen des Faches auseinandersetzen muss, erleidet er hier eine interessante Version des Hochstapler Syndroms. Nur wer dieses Syndrom selber etwas kennt, weiss, warum es an den Rand eines Mordes führen kann.

Der Roman ist lang, doch liest sich sehr schnell. Manchmal dachte ich an Homo Faber, als die Kulisse Liguriens benutzt wird, um den deutschen und welterfahrenen (mehrsprachigen) Intellektuellen Perlmann in dem südländischen Kontext herumtapern und anecken zu lassen, was in dessen Not und intellektueller Panik zu einer Art Slapstick wird.

Dieses Buch findet weitesgehend im Kopf der Hauptperson statt. Man fiebert mit Perlmann mit, man kann sich mit ihm identifizieren (als Leidender des Hochstapler Syndroms ebenso wie als jemand, der Probleme hat, sich mit anderen Menschen und deren Erwartungen zwanglos auseinderzusetzen) - aber ihn mögen, das mag nicht gelingen. Schade natürlich, da man sich ja mit ihm identifiziert hat. Eine prickelnde kognitive Dissonanz. Es ist sicher kein neues stilistisches Mittel, aber gerade in den zwei Jahrzehnten seit dem Erscheinen dieses Buches wurde diese Dissonanz des Öfteren in Film und Fernsehen verwendet. Ich nenne als Beispiel einmal Don Draper (aus Mad Men), den man mögen will und ihm Gelingen wünscht, doch mehr und mehr fragt man sich, warum eigentlich.

Mercier hat viele Aspekte in den Hintergrund der Handlung gelegt, die jedem Deutsch Leistungskurs genug Arbeit für Monate geben würden. Da wären Perlmanns akademische Gegenspieler (und ihre jeweilige Art intellektuell zu sein) zu nennen, aber insbesondere der russische Text, den Perlmann übersetzt um sich abzulenken. Seitenlang geht es manchmal um die Verbindung zwischen Sprache und Erinnerung, während auch Perlmann sich zu erinnern versucht, wie sein Leben eigentlich verlief. Am Schluss wird auch noch das Thema Schuld eingebracht, mit einem Verweis auf Maxim Gorki. Ich gestehe, hier die Interpretationsarbeit vernachlässigt zu haben, die sich Mercier vielleicht von mir gewünscht hätte. Aber es ist zum Glück nicht notwendig, alles mitzudenken, was man mitdenken könnte,um das Buch zu geniessen. Ich habe es deshalb mehr genossen als Homo Faber, damals im Deutsch Leistungskurs ;-)

# lastedited 28 Jun 2017
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